Ausstellungstipp: Mexicanidad

















[Foto: Gemälde Frida Kahlo; Kunsthalle Würth]

Bis 16. September 2012 in der
Kunsthalle Würth, Schwäbisch Hall

Mit rund 300 bedeutenden Werken herausragender Vertreter der mexikanischen Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts beleuchtet die Kunsthalle Würth das Phänomen der „Mexicanidad“, jener spezifisch mexikanischen, schwer zu fassenden und sich beständig selbst hinterfragenden Mentalität, die aus der wechselvollen Geschichte der ebenso jungen wie hybriden Nation hervorgegangen ist.
Erst nach Erlangung der Unabhängigkeit (1821) von Spanien insbesondere aber im Zuge der mexikanischen Revolution (1910-1920) gegen den Diktator Porfirio Díaz entstand ein Bewusstsein dafür, dass es in Mexiko eine autonome vorspanische Vergangenheit gegeben hatte. Spektakuläre archäologische Entdeckungen und Erforschungen der indigenen Völker und ihrer vorspanischen Kulturgeschichte beförderten das Interesse an den verschütteten Wurzeln und ließen das Bedürfnis nach einer Rückeroberung des vergessenen Erbes so sehr erstarken, dass das Land nunmehr durch das Selbstbild der Mestizaje geprägt schien. Waren die Künstler bislang ausschließlich dem Leitbild des europäischen Kunstgeschmacks gefolgt, kam nun das Interesse für die eigene, in der Regel mestizische Herkunft und die Kulturen der Vorfahren hinzu. Die Forderung des postrevolutionären Bildungsministers José Vasconcelos, zu einer kosmischen Rasse zu verschmelzen, konnte natürlich nicht eingelöst werden. Dennoch führte die ideelle und künstlerische Auseinandersetzung mit dem geheimnisvollen indianischen Erbe, das jahrhundertelang durch die ibero-katholische Tradition überlagert aber nie gänzlich ausgelöscht werden konnte, bei gleichzeitiger Positionierung innerhalb der Kunst der Moderne, zu einem jeweils sehr individuellen Ausdruck. Frida Kahlo, Diego Rivera, Rufino Tamayo, Adolfo Riestra und Francisco Toledo gelten heute als Protagonisten der mexikanischen Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts und könnten dabei unterschiedlicher nicht sein.
Diego Rivera steht als einer der Hauptvertreter des mexikanischen Muralismo für die in erster Linie sozialpolitisch motivierte agitatorische Malerei der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Kunst seiner rund 20 Jahre jüngeren Frau Frida Kahlo, einer der berühmtesten Künstlerfiguren Mexikos, versinnbildlicht Selbstinszenierung als Lebensform. Ihre Arbeiten sind und eine permanente Demonstration der Stärke in ihrer Kampfansage an die Leiden, die sowohl ihr von Krankheiten geplagter Körper als auch ihre Rolle als Frau in einer vom Machismo geprägten Kultur verursachten.
Der große Kolorist Rufino Tamayo hingegen, Generationsgenosse Frida Kahlos, so der mexikanische Schriftsteller Carlos Fuentes „er ist vielleicht mexikanischste unter den Malern, der die Farben des Landes sah, die den Muralistas entgangen waren“. Er fand als einer der ersten den Mut, diese so bedeutsame Bewegung kritisch zu hinterfragen und damit den Weg frei zu machen für die nachfolgende Generation von Künstlern. Francisco Toledo, zapotekischer, also indigener Abstammung und Adolfo Riestra sind nicht mehr nur Erben der jüngsten Vergangenheit, sondern finden zurück zu den unmittelbaren Ursprüngen der mexikanischen Kultur. Diese schließt die Volkskunst ebenso ein wie prä-hispanisches und europäisches Erbe und ist dabei „alltäglich, brutal und engelsgleich, furchtsam und unschuldig, anheimelnd und befremdend“ so Carlos Fuentes aber immer faszinierend.
Die Ausstellung wird mit mexikanischen Fundstücken aus präkolumbianischer Zeit und originalen mexikanischen Ofrenda-Objekten kontextualisiert. Da Frida Kahlos Garderobe legendär, und zudem künstlerischer Ausdruck ihrer persönlichen Interpretation der „Mexicanidad“ war, ergänzen einige ihrer prachtvollen Huipiles (ärmellose Oberteile) und Porträtfotos der Kahlo von Nickolas Muray, die sie in ihren schönsten Trachten zeigen, die Schau ebenso wie rund 150 Fotografien ihrer berühmten wiederentdeckten eigenen Fotosammlung. [Text: Museum]

http://kunst.wuerth.com