Montag, 30. Juli 2007

Reisetipp: Kathedralen der Arbeit

Mit dem Fahrrad die Geschichte der Industriekultur in Berlin-Tempelhof entdecken

Von Claudia Simone Hoff

Mitten in der Stadt, quasi als Kathedralen der Arbeit, entstehen zu Beginn des 19. Jahrhunderts bedeutende Denkmäler der Industriearchitektur. Überregionale Bedeutung erlangen beispielsweise die Gebäude, die Peter Behrens für die „Allgemeine Elektricitätsgesellschaft“ (AEG) unter Walter Rathenau erbaut. Die Industriekomplexe der Gründerzeit und frühen Moderne prägen bis heute einige Stadtviertel Berlins, darunter auch das Gebiet um die Alboinstraße in Tempelhof und das Gelände rund um den Tempelhofer Hafen. Einige dieser bedeutenden Industriebauten des Bezirks werden auf den nächsten Seiten im Rahmen einer kleinen Fahrradtour auf den Spuren der Tempelhofer Industriegeschichte vorgestellt. Die Tour lässt sich beliebig ausdehnen – an allen Ecken gibt es Interessantes, unbekanntes und Kurioses entdecken – abseits der üblichen Pfade.

Wir starten unsere Tour in der Oberlandstraße in der Nähe des Teltowkanals. Der S- und U-Bahnhof Hermannstraße kann als Ausgangspunkt dienen. Das hier zuerst vorgestellte Fabrikgebäude aus den späten 30er Jahren markiert den Endpunkt der baulichen Entwicklung rund um den 1906 erbauten und als Wasserweg bedeutenden Teltowkanal. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten war die moderne Bauweise aus den 20er Jahren (kubische Volumina, Fensterbänder, Glasflächen) nur noch im Industriebau möglich. Wir befinden uns in der Oberlandstraße 75 – 84: Das u-förmige, 1936 bis 1937 von Paul Renner entworfene Gebäude beherbergte die Rasierklingenfabrik Roth-Büchner. Seit 1945 gehört sie zur Firma Gillette Deutschland. Heute werden dort Rasierklingen, Rasierapparate, Kosmetikserien u. a. hergestellt.

Bei dem Bau handelt es sich um eine dreiflügelige Anlage, deren Eingangsteil mit wuchtigen Pfeilern und dem Gillette-Logo über dem Portikus mit Empfangshalle, ganz im Sinn einer nationalsozialistischen Symbolik, wuchtig hervorsteht. Rechts und links neben diesem Portal erstrecken sich die Fabrikhallen. Der Stahlskelettbau ist mit roten Klinkern verkleidet und weist horizontal verlaufende Fensterbänder auf. In dem erhöhten Mittelrisalit befindet sich das Haupttreppenhaus. Die Dächer sind als Sheds gestaltet, ein durchaus übliches Verfahren bei Industriebauten, bei denen die Beleuchtung von schräg oben in das Gebäude geleitet wird. Es handelt sich um ein Konstruktionssystem einer Kombination von Punltdächern, wobei die Stütz- und Rückwände Lichtflächen bilden. Die ersten Sheds wurden 1844 im englischen Leeds für Spinnereien gebaut und kamen 1857 zum ersten Mal in Berlin zur Anwendung (Firma Hoffbauer am Engelufer). Das Werksgelände breitet sich auf 62.000 m2 aus. Dazu gehörten neben den Fabrikationshallen auch ausgedehnte Sozial-, Freizeit- und Grünanlagen.

Über die Komturstraße erreichen wir die Teilestraße 13 – 16, wo wir die Sarotti-Fabrik näher betrachten wollen. Die Straße, in der die Sarotti-Fabrik seit 1913 steht, erhielt ihren Namen um 1909 und wurde zum Gedenken an die Familie Teile, die als eine der wenigen den 30-jähigen Krieg in Tempelhof überlebt hatte, so benannt. Die Nahrungs- und Genussmittelindustrie spielte im Berliner Wirtschaftsleben in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine bedeutende Rolle, bedingt durch das starke Anwachsen der Bevölkerung.

Der Gründer von Sarotti, Hugo Hoffmann, war in Paris zum Konditor ausgebildet worden und kam 1868 nach Berlin, wo er im Bezirk Mitte in der Mohrenstraße eine „Conditor-Küche“ einrichtete. Nach drei Jahren stellte er erstmals Schokolade und Pralinen her. Im Jahr 1893, er stellte das erste Mal Marzipan her, ließ er das Warenzeichen „Sarotti“ und zehn Jahre später wurde die „Sarotti Chokoladen- und Cacao-Industrie AG“ gegründet. Hoffmann beschäftigte über 1000 Mitarbeiter. Die Herkunft des Namens Sarotti-Mohr ist ungeklärt, vielleicht leitet sich das Maskottchen vom Namen der Straße ab, in der sich das erste Geschäft Hoffmanns befand (Mohrenstraße). Jedenfalls ist das bekannte Logo bis heute in Verwendung. Die 1921 in „Saotti AG“ umbenannte Firma wurde 1971 von der Nestlé AG aufgekauft, während der Firmensitz schon nach dem Zweiten Weltkrieg nach West-Deutschland verlegt wurde.

1913 zog die Fabrik auf dieses großes Gelände in Tempelhof. Der Architekt Bruno Buch, von dem noch weitere Industriebauten in Berlin stammen, erweiterte nach einem Brand 1922 den ursprünglichen, 1912 entstandenen Bau Hermann Dernburgs. Der fünfstöckige Flachbau ist als Stahlbetonkonstruktion errichtet und mit Muschelkalkplatten verkleidet. Vor dem Jahr 1904, als die Verwendung von Stahlbeton im Außenbau als zulässig erklärt wurde, baute man die Fabriken meist aus Backstein. Dieses Fabrikgebäude ist der erste monumentale Geschossbau aus Stahlbeton in Berlin. Das rechtwinkelig gestaltete Gebäude mit zahlreichen großen Sprossenfenstern strahlt eine sachlich-konstruktive Wirkung aus.

Fährt man die Teilestraße nun in Richtung Westen, geht sie in die Ordensmeisterstraße über. In der Gegend um den Tempelhofer Hafen siedelten sich nach dem Bau des Teltowkanals zahlreiche große Firmen aus verschiedenen Branchen an. Die gute Verkehrsanbindung durch den Teltowkanal sowie die Berlin-Mittenwalder-Eisenbahn war sicher ein Grund für die dichte Besiedlung durch Industriebetriebe. Angekommen am 4,5 ha großen Tempelhofer Hafen, erwarten uns drei interessante, unter Denkmalschutz stehende Bauten: Das 1906 errichtete Lagerhaus der Teltowkanal AG, das SEL-Hauptgebäude (ehemals C. Lorenz AG) im Lorenzweg 5 und das Ullstein-Druckhaus. Letztgenannter repräsentativer Stahlskelettbau mit expressionistischen Klinkermauerwerk gehört zu den bahnbrechenden Leistungen im Industriebau. Es beherbergte das zu seiner Zeit größte Verlags- und Druckgebäude Europas. 18 verschiedene Zeitungen und Zeitschriften wurden dort hergestellt, darunter die „Berliner Illustrierte“ und die „Vossische Zeitung“.

Die C. Lorenz AG unterhielt seit 1918 an diesem Standort Werkstätten für Telegrafen und Telefone. Zu wirtschaftlichen Hochzeiten waren im fünfgeschossigen Stahlbeton-Fabrikgebäude bis zu 2.400 Menschen tätig. Das Gebäude hat den Zweiten Weltkrieg fast unbeschädigt überstanden. Das 1904 errichtete Lagerhaus der Teltowkanal AG diente als Speicher und war mit seiner feuerfesten Eisenbetonkonstruktion im Innern äußerst modern. Die Lagerfläche des viergeschossigen Baus betrug 21.000 m². Noch bis zur Wende diente der Speicher als Vorratslager des Senats für den Fall erneuter politischer Krisen um est-Berlin. Die UFA-Fabrik gleich neben dem Tempelhofer Hafen in der Oberlandstraße 26 – 35 hat in Zusammenarbeit mit der Technischen Universität Berlin das Konzept eines Kultur- und Dienstleistungszentrums für dieses stadtbildprägende, zurzeit noch brachliegende und heruntergekommene Gelände erarbeitet.

Wir überqueren nach der Besichtigung den Tempelhofer Damm Richtung Westen und fahren die Friedrich-Karl-Straße entlang und biegen dann rechts in die Manteuffelstraße ein. Nach drei Querstraßen kommt auf der linken Seite die Kaiserin-Augusta-Straße, in die wir einbiegen. Am Alboinplatz geht es dann rechts in die Alboinstraße. In der Hausnummer 26 – 42 liegt die von 1928 bis 1930 vom Architekten Carl Mackensen errichtete Parfümeriefabrik Schwarzkopf. Die Unternehmensgeschichte von Schwarzkopf beginnt mit einer Drogen- und Parfümeriehandlung in Berlin-Charlottenburg. Der Firmenbegründer experimentierte mit Haarpflegemitteln und war dabei so erfolgreich, dass eine Fabrik errichtet werden musste. Zu Produktionszeiten wurden in der Fabrik verschiedene Produkte hergestellt: Schaumponpulver (heute Shampoo), Trockenshampoo, Haarglanzpulver etc.

Der vertikal gegliederte Bau besteht aus einem Stahlskelett , versteckt hinter einer expressionistischen Backsteinfassade. Errichtet wurde ein dreiflügeliger, mit reichem Ziegeldekor versehener Industriebau, unterteilt in eine fünfstöckige Fabrikationshalle mit je zweigeschossigen Verwaltungstrakt und Wohngebäude. Die Nutzfläche beträgt insgesamt 10.000 m2. Der oberste Teil des Turms, der den Fabrikteil durchschneidet, wird vom bekannten Firmenlogo in Form eines Kopfes im schwarzen Schattenriss bekrönt. Dieser gläserne Teil des Turmes wurde allerdings erst 1936 aufgesetzt und nutzte die neuen Möglichkeiten der Lichtreklame. Später hinzugekommen ist auch das Walmdach des Büroflügels, das der Ausgewogenheit der Gesamtproportionen entgegenläuft. Die Aufteilung der Geschosse des Fabrikationsgebäudes sah folgendermaßen aus:

Kellergeschoss: Wasch- und Umkleideräume, Heiz- und Elektrizitätsanlage
Erdgeschoss: Hausdruckerei, Expedition (Versand)
1. Obergeschoss: Kartonagen-Abteilung, Reklame-Abteilung, chemisches Laboratorium
2. Obergeschoss: Abfüllung der flüssigen Seife, Verpackung der fertigen Produkte
3. Obergeschoss: Herstellung, Reservebottiche, Betriebswerkstätten (Schlosserei, Tischlerei, Elektrowerkstatt)
4. Obergeschoss: Großküche, Kantinen (Kasinos genannt) für Arbeiter und Angestellte

Der technische Standard der Fabrik war zur Zeit der Erbauung sehr hoch. Es gab moderne technische Anlagen wie Fließbandanlagen, Dosierwaagen, Entlüftungsanlagen, eine Telefonzentrale mit acht Amtsleitungen u. ä. Insgesamt waren in der Fabrik 100 Angestellte und bis zu 400 Arbeiter tätig. 1932 heißt es in einem Artikel über die Fabrik: „... So ergibt sich das höchst erfreuliche Gesamtbild einer schlichten und doch ästhetisch schönen, hygienisch und technisch vorbildlichen Stätte planmäßiger sorgfältiger Arbeit, die nach modernsten Grundsätzen durchgeführt wird.“

Parallel zur Alboinstraße verläuft in westlicher Richtung die Bessemerstraße, wo in der Nr. 2 – 14 die Schultheiss-Mälzerei liegt. Schon von weiten ist sie an ihren großen Dunstschloten mit Windfangblechen im Stadtbild zu erkennen. In den Jahren 1914 bis 1917 wurde sie vom Architekten Schlüter in Backsteinbauweise mit einem Verwaltungsbau, Produktionshallen und Silogebäude versehen. Am Ende der Bessemerstraße Richtung Norden biegt man rechts in die Eresburgstraße ein und trifft an den Hausnummern 22 – 23 auf das Gebäude der Isophon-Werke, ehemals Ludwig Spitz & Co. GmbH. Dort wurden v. a. Lautsprecher gefertigt. Die Hausnummern 24 – 27 werden von der Brotfabrik Schlüterbrot-Bärenbrot besetzt, 1927 bis 1928 vom Erbauer der Sarotti-Fabrik Bruno Buch errichtet und mit rotvioletten Ullersdorfern Klinkern versehen. Gleich in der Nähe (Richtung Nordosten) liegt in der Ringbahnstraße 130 das 1925 – 1928 von Karl Pfuhl erbaute ehemalige Reichspostzentralamt. Die mit Klinkern verkleidete Fassade ist im Stil des Expressionismus gehalten und zeigt Ähnlichkeiten mit der Parfümeriefabrik Schwarzkopf. Heute sind in dem Gebäude verschiedene Abteilungen der Deutschen Bundespost untergebracht.

Wer jetzt noch Lust und Energie verspürt, diese Fahrradtour auszudehnen, kann über den Tempelhofer Damm zum Flughafen Tempelhof fahren und dort auch das Luftbrückendenkmal anschauen. Der Flughafen Tempelhof sollte östlich der von Albert Speer projektierten Nord-Süd-Achse liegen und ist einer der bedeutendsten Verkehrsbauten weltweit. Architekt ist Ernst Sagebiel. Kurz zu den geschichtlichen Daten: Planung ab 1934, Baubeginn 1936, Rohbau 1939, Bauarbeiten durch Kriegsbeginn verhindert, 1962 zivile Inbetriebnahme. Die Anlage, früher auch als „Weltflughafen Tempelhof“ bezeichnet, liegt am Platz der Luftbrücke und ist dreigeteilt und erlaubt kurze Wege: das halbkreisförmige Verwaltungsgebäude, eine zentrale Abfertigungshalle, Flugsteighallen mit Hangars, die einen 1200 m langen Bauteil ergeben. Die Dächer der Flugsteighallen bestehen aus einer Stahlkonstruktion, die bei Flugschauen bis zu 90.000 Besucher aufnehmen sollte. Der Flughafen ist der größte zusammenhängende Gebäudekomplex Europas. Architektonisch fügt sich die Anlage eng an die Formensprache der nationalsozialistischen Staatsarchitektur: Reihung von Fensterachsen, Arkadenreihen, symmetrische Anordnung der Baukörper. Vom gesamten Komplex geht eine monumentale Wirkung aus. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Komplex stark beschädigt.

Die gesamten hier abgefahren Gebiete in Tempelhof gehören nach wie vor zu den größten industriellen Ballungsgebieten der Stadt. Interessant ist auch, dass es keine Spezialisierung auf bestimmte Industriezweige gegeben hat. Die Branchen umfassen u. a. die Lebensmittel-, Genusswaren-, Druck- und Elektroindustrieindustrie sowie Filmstudios. Auch deshalb ist eine Besichtigung der beschriebenen Gebäude so interessant. Daneben bieten sie aber auch noch einen lebendigen Einblick in die Geschichte des Industriebaus.

Reisetipp: "Pack die Badehose ein ... und dann nischt wie raus nach Wannsee!"

Ein Spaziergang in der ehemaligen Villenkolonie Alsen am Wannsee

Von Claudia Simone Hoff

Um 1870 entstand am Wannsee eine beeindruckende Kulturlandschaft mit repräsentativen Villen und prächtig gestalteten Gartenanlagen. Berlin war zum führenden Industriestandort Europas geworden und reiche Bankiers, Unternehmer und zuweilen auch Künstler stellten ihren Reichtum und kultivierten Lebensstil in großbürgerlichen Villenbauten und Kunstsammlungen zur Schau. Darunter befinden sich so berühmte Namen wie von der Heydt, Langenscheidt, Springer, von Siemens etc. Sie alle zogen im Sommer von der Stadt aufs Land – mit ihrem gesamten Hausrat, einschließlich der Hausangestellten und Kunstsammlungen. Um das Gebiet am Wannsee mit der Stadt Berlin zu verbinden, wurde 1874 die Bahnverbindung Potsdam – Wannsee – Berlin eröffnet, im Volksmund wurden die Züge „Bankierszüge“ genannt.

Der Wannsee ist auch heute noch eine vornehme Wohngegend und beliebter Ausflugsort der Berliner. Am einfachsten erreicht man ihn mit der S-Bahn und steigt am Bahnhof Wannsee aus. Wir wollen einen kleinen Spaziergang in der ehemaligen Villenkolonie Alsen unternehmen und dort die Villenarchitektur der Jahrhundertwende besichtigen. Wir lassen die an der Ostseite des Wannsees gelegene Villenkolonie Wannsee (heute die Straße Am Sandwerder) rechterhand liegen, gehen zu Fuß über die Wannseebrücke und biegen dann rechts in die Straße Am Großen Wannsee ein (Hinweisschilder beachten!), die von herrlichen Villenbauten gesäumt wird. Auch wenn der heutige Blick von modernen Bauten etwas getrübt wird, ist die Straße Am Großen Wannsee mit ihrer beeindruckenden Architekturkulisse sicherlich eine der am schönsten gelegenen Berlins, denn die bewaldeten Seegrundstücke geben den Blick auf die Wasserlandschaft frei. Die Straße beginnt an der Königsstraße, verläuft parallel am See entlang, bis sie in einer Sackgasse an der Straße Zum Heckeshorn endet. Von 1888 bis 1933 hieß sie allerdings Große Seestraße. Der etwa 2,6 km² große und bis zehn Meter tiefe Große Wannsee ist ein Arm der Havel mit Verbindung zum Kleinen Wannsee und Pohlesee bis zum Griebnitzsee.

Der Bankier Wilhelm Conrad war 1863 der erste Bauherr, der ein riesiges Grundstück am Großen Wannsee erwarb. Er hatte die Idee, eine Anhäufung von Villen zu einem Gesamtkunstwerk zu vereinen. So ließ er durch den Berliner Gartenbaudirektor und Lenné-Schüler Gustav Meyer einen Straßen- und Parzellierungsplan erstellen, den sogenannten Conradschen Plan. Die neue Siedlung wurde „Colonie Alsen“ genannt. Conrads Villa Alsen war die erste, die dort errichtet wurde. Es folgten weitere, von denen einige auf dem folgenden Rundgang besucht und angeschaut werden. Die wenigsten lassen sich besichtigen, da sie privat genutzt werden, doch die Villa Liebermann und die ehemalige Villa Marlier (heute Haus der Wannsee-Konferenz) bilden die Ausnahmen. In ihnen lässt sich großbürgerliche Lebensart um die Jahrhundertwende auch heute noch nachvollziehen. Die Bewohnerstruktur der Villenkolonie war durch die deutsche Geschichte, besonders den Zweiten Weltkrieg und die darauffolgende Teilung Berlins, starken Wechseln unterlegen. Viele der ehemaligen Bewohner waren Juden, die von den Nationalsozialisten enteignet, verfolgt und teilweise ermordet wurden.

Auf der linken Seite der Straße (Nr. 39 – 41) liegt etwas versteckt hinter Bäumen das Haus Springer, das 1901 – 1903 von Alfred Messel erbaut wurde. Bauherr dieser schönen Villa mit Gewächshäusern, Gärtner- und Teehaus sowie einer Gartenhalle war der Verleger Ferdinand Springer, der mit seinem Bruder das Unternehmen zu einem führenden Wissenschafts- und Technikverlag ausbaute. Architekt Messel, der u. a. das im Krieg zerstörte Kaufhaus Wertheim am Leipziger Platz in Berlin-Mitte erbaute, schuf ein Landhaus mit Merkmalen der englischen Landhausarchitektur des 19. Jahrhunderts. Rauh belassene Natursteine für den Sockel des Hauses sowie Holzschindeln für Giebel, Brüstungen und Dach sind die hauptsächlich verwendeten Baumaterialien. Um eine zentrale Diele herum sind verschiedene Räume angeordnet. Eine Halle geht direkt auf den Garten zu, der als englischer Miniaturpark konzipiert wurde. Die Architektur zeichnet sich durch eine einfache, klare und moderne Formensprache aus, die später von Hermann Muthesius weiterentwickelt wurde.

Wir folgen der Straße und treffen auf der rechten Seite auf zwei Villen, die bis 1969 als Krankenhaus fremdgenutzt wurden: in der Nr. 40 das Haus Hamspohn, das 1906 von Paul Baumgarten für den Mitbegründer der AEG Johann Hamspohn errichtet wurde, links daneben ebenfalls etwas zurückgesetzt die Liebermann-Villa, einst Sommerhaus des Malers Max Liebermann (1847 – 1935). Dieser war Gründungsmitglied der „Berliner Secession“ und Präsident der Preußischen Akademie der Künste. Der Ehrenbürger der Stadt Berlin gilt er als einer der Wegbereiter der modernen deutschen Malerei. Neben seinem inzwischen rekonstruierten Wohnhaus am Pariser Platz, verbrachte der bereits zu Lebzeiten hochgeschätzte Maler die Sommer mit seiner Familie in dieser Sommerresidenz. Der Garten breitet sich auf einer Fläche von etwa 7.000 m2 zum Wannsee und zur Straße hin aus. Die Gestaltung des Gartens ist für die Entwicklung der Gartenbaukunst des 20. Jahrhunderts außergewöhnlich hoch einzuschätzen: Unter Leitung des Kunsthistorikers Alfred Lichtwark wurden erstmalig Elemente eines städtischen Hausgartens mit denen eines bäuerlichen Nutzgartens verbunden. Liebermann arbeitete aktiv an der Gestaltung des Gartens, der als Idealtypus eines reformorientierten Architekturgartens bezeichnet werden kann, mit. Der Garten wird, genau wie die Villa, zurzeit detailgetreu rekonstruiert.

Liebermann fühlte sich mit seinem Land- und Sommersitz inniglich verbunden. Das beweisen nicht nur viele Briefe, sondern auch Hunderte von künstlerischen Arbeiten, v. a. Gemälde, auf denen die Villa und der Garten als Sujet im Mittelpunkt stehen und die beim Publikum breiten Anklang fanden. Außerdem fertigte er Skizzen und Porträts seiner illustren Nachbarn in der Villenkolonie an. 1940, fünf Jahre nach dem Tod ihres Mannes, musste die Witwe Liebermanns das Haus zwangsweise an die Nationalsozialisten verkaufen, es folgte der Verfall und die Umnutzung. 1987 wurde das Anwesen unter Denkmalschutz gestellt, 2002 hat die Max Liebermann Gesellschaft e. V. das Anwesen übernommen und versucht die Restaurierung voranzutreiben. Zur Zeit befindet sich in der Villa eine Dokumentation zum Leben Liebermanns und eine Dauerausstellung über die Villenkolonien am Wannsee.

Links neben der Villa Liebermann liegt das vom Architekten Bodo Ebhardt erbaute Haus der Verlegerfamilie Langenscheidt, eines der wenigen, das sich auch heute noch im Besitz der Erbauerfamilie befindet. Die Villa wirkt durch ihre Fachwerkarchitektur weniger pompös als die anderen Gebäude in dieser Straße.

Nach dem Besuch der Liebermann Villa kann man sich in dieser Straße noch über ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte informieren. Am Ende der Straße (Nr. 56 – 58) liegt auf der rechten Seite die heutige Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz, ehemals Villa Marlier, in dem 1942 die Ermordung von etwa 11 Millionen Juden beschlossen wurde.

Der Industrielle Ernst Marlier ließ in den Jahren 1914 / 15 durch den Architekten und Messel-Schüler O. A. Baumgarten, der bereits die Häuser von Hamspohn und Liebermann geplant hatte, diese hochherrschaftliche und luxuriöse Villa inmitten eines riesigen Gartens errichten. 1940 geriet die Villa in die Hände der Nationalsozialisten, weil Friedrich Minoux, seit 1921 Besitzer der Villa, sie an die SS-Stiftung Nordhav veräußerte. Fortan wurde sie als Gästehaus für den Sicherheitsdienst (SD) genutzt. Am 20.01.1942 wurde im ehemaligen Speisezimmer des Hauses, unter der Leitung von Reinhard Heydrich, Chef des Reichssicherheitshauptamtes, und unter Teilnahme von hochrangigen Vertretern der NSDAP, SS und verschiedenen Ministerin die Vernichtung der europäischen Juden beschlossen. Das von Adolf Eichmann angefertigte Protokoll dieser Konferenz wurde 1947 in den Akten des Auswärtigen Amtes gefunden und kann in der Ausstellung betrachtet werden.

Im Inneren der ehemaligen Villa wurde 1992, zum 50. Jahrestag der Wannsee-Konferenz, eine Gedenk- und Bildungsstätte eingerichtet. Hier finden nicht nur Veranstaltungen statt, auch eine Fachbibliothek, Mediothek und eine Ausstellung mit Bild- und Texttafeln sowie Tondokumenten zur Verfolgung, Ausgrenzung und Vernichtung des jüdischen Volkes ergänzen das Programm. Wenn man sich in die wunderbare, denkmalgeschützte Gartenanlage der Villa begibt und von der zum Wannsee hin gelegenen großen Terrasse auf die andere Seite des Sees sieht, erblickt man dort das Strandbad Wannsee, das 1929 bis 1930 nach Plänen von Martin Wagner und Richard Ermisch errichtet wurde. Wagner, Stadtbaurat in Berlin, ist es zu verdanken, dass Berlin in den 20er Jahren zu einem führenden Zentrum der modernen Architektur avancierte und zu einem städtebaulichen Hauptzentrum der Weimarer Republik wurde. Einige Beispiele berühmter Architekten wie Gropius oder Mies van der Rohe werden wir an anderer Stelle dieser Publikation sehen.

Am Ende der Straße Am Großen Wannsee endet der Spaziergang in der ehemaligen Villenkolonie Alsen. Auf dem Rückweg zum S-Bahnhof bietet sich noch die Besichtigung des Grabmals von Heinrich von Kleist und Henriette Vogel an der Uferböschung des Kleinen Wannsees (Bismarckstraße bei Haus Nr. 3) oder der ehemaligem Villenkolonie Wannsee Am Sandwerder an. Der Rundgang ab dem S-Bahnhof Wannsee dauert mit Besichtigung der Villa Liebermann und dem Haus der Wannsee-Konferenz etwa 3,5 Stunden.

Links:

Max-Liebermann-Gesellschaft e. V. / Villa Liebermann
http://www.max-liebermann.de/PWP/(S(gy2gms55ovfjihji0d3ov4zc))/DesktopDefault.aspx?TabID=1

Haus der Wannsee-Konferenz
http://www.ghwk.de/

Versuchssiedlung Schorlemer Allee in Berlin

von Claudia Simone Hoff

Architekt: Wassili und Hans Luckardt, Alfons Anker
Baujahr: 1925 – 1930
Adresse:
Schorlemerallee 7a – 23a
Berlin-Zehlendorf (Dahlem)
Privathäuser

Die Schorlemerallee wurde 1901 als „Straße 35“ geplant. Sie erhielt auf Wunsch des Kaisers zusätzlich einen Reitweg. Die Grundstücke sollten nach dem Kyllmann-Plan (1899 – 1901) mit villenähnlichen Landhäusern bebaut werden, aber erst mit dem Bau der U-Bahn 1911 setzte ein reger Baubetrieb ein.

Die Siedlung zählt zu den wichtigen Bauten der Neuen Sachlichkeit in Berlin. Es sind drei verschiedene Bauetappen, die sich durch unterschiedliche Konstruktionsweisen (u. a. existieren massive Mauertechnik und Stahlskelettbauweise nebeneinander) auszeichnen, zu erkennen. Um die herausragenden architektonischen Merkmale der Siedlung auf einen Punkt zu bringen: reduzierte klare Formen, weißer Beton, Stahlskelettbauweise. Es entstanden eine Reihenhausanlage, ein Atelierhaus sowie Einzel- und Doppelhäuser.

1925 wurden die Reihenhäuser in der Schorlemerallee 13 – 17a sowie 19 – 23a erstellt. Die Einfamilienhäuser in der Schorlemerallee 7 – 11 aus dem Jahr 1928 waren die ersten Stahlskelett-Wohnbauten Berlins. Anfang der 30er Jahre wohnte in der Nr. 7a der Filmregisseur Fritz Lang und seine Frau, die Filmautorin Thea von Harbou, welche die Drehbücher zu seinen Filmen schrieb („M“, „Metropolis“, „Nibelungen“). Die Architekten bezogen selbst Bauten ihrer Versuchssiedlung: Die Brüder Luckhardt wohnten in der Nr. 17a, Alfons Anker in der Nr. 19.

Als Versuchssiedlung wurde die Anlage deshalb bezeichnet, weil sie einige radikal neue stilistische und technische Merkmale aufwies, u. a. kubisch gestaffelte Baukörper, Flachdach, Stahlskelett- bzw. Stahlbetonbau aus vorgefertigten Bauteilen. Die relativ kostengünstige Bauweise der Häuser und Wohnungen sollte auch weniger vermögenden Einkommensschichten ein Wohnen im Grünen ermöglichen.

Kulturelle Ereignisse der Zeit:

Bauhausgebäude von Walter Gropius in Dessau (1925).
Erste Rolltreppe Berlins im Kaufhaus Tietz in der Leipziger Straße (1925).
1929 erscheint Alfred Döblins Roman „Berlin Alexanderplatz“.
1930 übernimmt Ludwig Mies van der Rohe die Leitung des Bauhauses in Dessau.

Samstag, 28. Juli 2007

Dänischer Lifestyle

[Foto: C. Hoff]

Fast überall trifft man sie jetzt an: die Blumenmuster in Rot, Blau, Rosa und Grün, auf Bettüberwürfen, Schalen, Tassen, Tellern, Geschirrhandtüchern undundund. Trotz auf den ersten Blick verspielten Mustern blitzt immerzu das Skandinavische des Designs hervor. Die Formen sind schlicht und grafisch, alles lässt sich untereinander kombinieren. Ja, die Entwürfe von Greengate machen gute Laune, auch an trüben Tagen.

http://www.greengate.dk/

Freitag, 27. Juli 2007

Design im Taschenformat: Die Wallpaper City Guides



Für Design-Verrückte hat der renommierte Phaidon-Verlag schön designte, Englischsprachige Reiseführer im Taschenformat erfunden. Jeder Führer ist in einer anderen Farbe gehalten, Fotos finden sich nur im Inneren, das in die Rubriken - einem Register gleich - "Landmarks", "Hotels", "24 Hours", "Urban Life", "Architour", "Shopping", "Sports" und "Escapes" unterteilt ist. Damit ist das Konzept der Führer umrissen: klein, quadratisch, gut. Dass es sich durchgehend um hochpreisige Reise-Tipps handelt, mag man den Herausgebern verzeihen. Schließlich ist es einfach schön, gutes Design anzuschauen, oder? Interessant sind auch die gewählten Städte. London, Paris, Rom, Barcelona, Stockholm - das mag nicht erstaunen. In der Reihe werden aber auch Städte vorgestellt, deren Designszene noch entdeckt werden kann: Marseille, Reykjavik, Auckland, Beirut, Hanoi, Kuala Lumpur oder Tel Aviv, zum Beispiel.

Hier geht's auf die große Reise:

[Fotos: C. Hoff]

Montag, 23. Juli 2007

Zeitgenössisches dänisches Design: Normann Copenhagen

Wer schönes und schlichtes Design mit einem gewissen Clou liebt, wird hier auf seine Kosten kommen: Das dänische Designunternehmen Normann Copenhagen bietet skandinavisches bzw. dänisches zeitgenössisches Design an: Gläser, Salatbestecke, Kleiderbügel, Messer und Untersetzer kann man hier finden. Dabei macht das Unternehmen auch vor ungewöhnlichen Materialkombinationen nicht halt: So besteht das transportable Waschbecken des Designers Ole Jensen, das 2002 mit dem International Design Plus Award ausgezeichnet wurde, aus Gummi, und die Karaffe des Designers Marcel Wanders aus Glas, die dazugehörigen bunten Trinkbecher hingegen sind aus Kunststoff gefertigt.

Wer nach Kopenhagen reist, findet im dritten Stock des Kaufhauses Magasin du Nord eine ganze Abteilung mit Produkten des Unternehmens. Hier geht's zu den Produkten mit ihren Geschichten:

Webtipp: Kunst von Dominique Gonzales-Foerster

Hier könnt Ihr interessante, manchmal lyrisch-schöne Projekte der französischen Künstlerin Dominique Gonzales-Foerster sehen, die seit 1995 verstärkt mit Filmen arbeitet:

Wer mehr über die Documenta-Teilnehmerin von 2002 wissen möchte:

Donnerstag, 19. Juli 2007

Lesetipp: Sieben Weltwunder der Moderne

In der "Zeit" berichten Architekten und Designer über ihre Lieblingsbauwerke. Hier geht's zum Artikel:


[Foto: C. Hoff]

Eines der sieben Weltwunder der Moderne: Hans Scharouns Philharmonie in Berlin, die 1960 bis 1963 entstand und als Hauptwerk des Architekten gilt. Sie zeichnet sich durch organische Bauformen aus und ist für ihre hervorragende Akkustik berühmt. Bis 1978 war der Bau ockerfarbig gestrichen, erst dann wurden die gelb eloxierten Aluminiumplatten angebracht.

Wer Musik liebt und gleichzeitig ein Meisterwerk der Architektur erleben möchte, ist hier richtig:


Freitag, 13. Juli 2007

Reisetipp: Zeitgenössische Architektur im Tessin - La Congiunta von Peter Märkli in Giornico

von Claudia Simone Hoff




[Fotos: C. Hoff]


Wenn man den Gotthard-Tunnel von Norden aus kommend passiert hat, denkt man nicht gleich an zeitgenössische Architektur, zu düster und eng wirkt das Leventina-Tal. Aber es birgt einen architektonischen Kleinod: Im kleinen Ort Giornico steht ein 1989 bis 1992 errichteteter Bau des Architekten Peter Märkli. Er wurde 1995 mit dem ersten Preis des Wettbewerbs "Bauen in den Alpen" bedacht.

Das Gebäude beherbergt Werke des Schweizer Bildhauers Hans Josephson und kann nur besucht werden, indem man sich den Schlüssel in einer Gastwirtschaft (Osteria Bar Giornico) im Dorf besorgt. Das macht einen Besuch noch spannender, denn man hat nicht das Gefühl eines "normalen" Museumsbesuchs. Allein das Museum zu finden ist eine Kunst. Am Ende einer Wiese, fast im Wald, türmen sich kubische, abweisend wirkende Betonquader auf. Innen überrascht der Bau durch klare Raumproportionen, Lichtführung ausschließlich durch Oberlichter und die Ausstrahlung der rauen Betonwände. Etwa 30 Werke von Hans Josephson bilden einen spannenden Kontrast zur Architektur und treten in einen Dialog zueinander. Die Reliefs und Skulpturen stammen aus der Schaffensperiode von 1950 bis 1991.


Literaturtipp:


Kunsthaus Bregenz (Hrsg.): Stiftung La Congiunta. Peter Märkli - Haus für Reliefs des Bildhauers Hans Josephson. Stuttgart 1994.

Mayr Fingerle, Christoph (Hrsg.): Neues Bauen in den Alpen/Architettura contemporanea alpina. Architekturpreis 1995/premio d'architettura 1995. Basel u. a. 1996.


Zum Museum:


http://www.lacongiunta.ch/


Zu Peter Märkli (Lehrstuhl ETH Zürich):


http://www.arch.ethz.ch/maerkli/



Ausstellungstipp: Viva la vida! Frida Kahlo zum 100. Geburtstag

von Claudia Simone Hoff




Die Casa Azul in Mexico City, in der Frida Kahlo und Diego Rivera wohnten. [Fotos: C. Hoff]

Frida Kahlo fasziniert seit jeher mit einer Mischung aus Volkstümlichkeit, Avantgarde, Weltoffenheit und Schicksal. In Verknüpfung mit einem spektakulär persönlichen Werk ist sie eine Ikone der Kunst- und Frauenwelt. Zugegeben, die Reise geht auf einen anderen Kontinent, aber es lohnt sich, denn Mexico City huldigt der großen Künstlerin und Volksheldin. Zu ihrem 100. Geburtstag finden zeitgleich zwei Ausstellungen statt: eine Retrospektive im Palacio de Bellas Artes und eine Ausstellung im ehemaligen Wohnhaus der Künstlerin, der Casa Azul im südlichen Stadtteil Coyoacán.

Nachdem letztes Jahr im Hamburger Bucerius Forum Werke der Mexikanerin mit deutschen Vorfahren zu sehen waren, ist nun im Palacio de Bellas Artes bis zum 19. August 2007 die größte Werkausstellung zu sehen, die es je gab. Aus allen Teilen der Welt wurden die Ausstellungsobjekte zusammengetragen und nirgendwo sonst könnte man sich besser in die Welt der Frida Kahlo einfinden als in Mexico City. In der mexikanischen Metropole verbrachte sie den Großteil ihres 54jährigen Lebens, fast immer an der Seite Diego Riveras, des großen mexikanischen Muralisten. Und so kann der Besucher, wenn er den Palacio de Bellas Artes verlässt, ein paar Schritte weiter in den Alameda-Park gehen und dort in einem neuen Museum eines der großen Wandbilder (murales) Riveras aus dem Jahr 1947 betrachten: "Sonntagsträumerei in der Alameda", auf dem er auch sich und Frida dargestellt hat.

In der Casa Azul treffen wir dann wieder auf die private Frida. Alles in dem leuchtend blauen Wohnhaus atmet ihrem Geist: Man spürt noch die Atmosphäre aus vergangenen Zeiten, als sich hier Intellektuelle und Künstler trafen, Feste gefeiert, geliebt und gelitten wurde. Neben Möbeln, Kunstwerken und mexikanischem Kunsthandwerk lassen sich nun auch bisher nicht gezeigte Schätze aus dem Besitz der Künstlerin betrachten: Spielzeug, unbekannte Zeichnungen, Kleider und Schmuck. Fast wie ein Leitmotiv ihres Lebens klingt das Motto, das Frida Kahlo auf ihr letztes Gemälde schrieb und das sich in beiden Ausstellungen nachvollziehen lässt: Viva la vida!


Dienstag, 10. Juli 2007

Freitag-Flagshipstore in Zürich

Der Schweizer Taschenhersteller baut auch interessante Architektur. Inzwischen gibt es drei Flagshipstores: in Zürich, Davos und Hamburg. Alle drei Geschäfte zeichnen sich durch ein anderes Architekturkonzept aus. Für das Geschäft im Zürcher Industriequartier wurden kurzerhand einige Übersee-Container aus Hamburg in den Süden geschafft, aufeinander getürmt und dienen nun als Paradies für Taschen-Fetischisten. In einige Container wurden Fenster geschnitten, der Verkäufer im unteren Stockwerk kann per altmodischem Telefon erreicht werden. Stück für Stück wird jede Tasche in einer extra Schublade aus festem Karton aufbewahrt, dessen Vorderseite ein Foto des Produkts ziert. Der Clou der großen Fensterfronten ist nicht nur der direkte Lichteinfall, sondern auch die Tatsache, dass man von dort direkt auf die Stadtautobahn schaut. Und dort rollen die Laster vorbei, aus deren Verdeckplanen die Freitag-Produkte hergestellt sind. Noch besser aber sieht man die Lkw, aber auch Zürich und Umgebung von der Aussichtsplattform aus. Diese erreicht man über eine Treppe im Inneren der Container. Auf jeden Fall einen Besuch wert!


[Fotos: C. Hoff]

Hier geht's zum Freitag-Shop:

Montag, 2. Juli 2007

Lesetipp: Neo Rauch

Auf der Website der Galerie Eigen + Art stehen einige Ausstellungskataloge, die sich mit Neo Rauch und seinem Werk beschäftigen, zum kostenlosen Download bereit:

Chicago - Zur Entstehung des modernen Hochhauses

Von Claudia Simone Hoff

Gegen Ende des amerikanischen Bürgerkrieges (1861-65) verband man die Schlachthöfe der Gegend um Chicago durch neun verschiedene Eisenbahnlinien. Dadurch wurde die 1833 gegründete Stadt am Lake Michigan für ein Jahrhundert zum weltwichtigsten Zentrum der fleischverarbeitenden Industrie. Die Stadt wuchs zum Handels- und Transportzentrum, was sich auch im Anwachsen der Bevölkerung spiegelte. Durch die Eisenbahn gelangten viele Arbeitskräfte in die Stadt, auch die ersten professionellen Architekten von der amerikanischen Ostküste. Die Eisenbahn war auch Bedingung dafür, dass die Materialien, die zum Hochhausbau benötigt wurden, in die Stadt transportiert werden konnten.

Durch die Erschließung des ungeheuer großen Hinterlandes vollzog sich eine Umwandlung des Ackerbaus vom bäuerlichen zum industriellen Produktionsbetrieb. Chicago wurde zum größten Getreidezentrum der Welt. Neben dem Getreide- und Viehhandel gab es auch noch Werkzeugfabriken, Brauereien, Lager von Kupfer- und Eisenerz sowie Braunkohlefelder. Die Wirtschaft der Stadt florierte ab der Mitte des 19. Jahrhunderts. Zur Entwicklung des Hochhauses in Chicago trug auch die Tatsache bei, dass sich finanzstarke Großbetriebe wie McCormick, Marshall Field, Montgomery Ward oder Sears Roebuck in der Stadt niederließen. Sie gehörten zu den Hauptauftraggebern der Hochhäuser, die meistens Mischfunktionen in Form von Büros, Kaufhäusern und Wohnungen innehatten. Nach den Wünschen der Auftraggeber sollten die Chicagoer Architekten praktisch, zeitgemäß und kostensparend bauen. Die wachsende Komplexität der modernen Industrie verlangte konzentrierte, administrative Zentren, was eine Zentralisierung des Geschäftsprozesses mit sich brachte. Deshalb ist eine steigende Intensität der Landnutzung verbunden mit erhöhten Grundstückspreisen in Chicago (nach dem Brand 1871) zu verzeichnen. Für die (Architektur-) Geschichte bestimmend wurde der große Brand im Oktober 1871, der neben Personenverlusten auch ein Drittel des Baubestands der Stadt vernichtete. Zur Zeit des Feuers hatte Chicago sich seine Stellung als wichtigste Stadt des Westens gesichert und St. Louis als Verkehrsknotenpunkt abgelöst. Das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass es eklatante soziale Widersprüche in der Stadt gab. Der Wiederaufbau der Stadt nach dem Feuer verlief sehr schnell. Einen Monat nach der Katastrophe waren bereits 5000 Häuser fertiggestellt oder noch im Bau. Die Grundstückspreise stiegen enorm an.

Wichtig für das Erscheinungsbild der Chicagoer Architektur ist die Tatsache, dass es eine Bodenparzellierung in Form eines Schachbrettmusters (das grid system) gibt, das ein leicht überschaubares, orthogonales Orientierungsmuster regelmäßiger Blöcke und Planquadrate bildet. Dadurch bedingt war der Bedeutungszuwachs der Fassadengestaltung. Andere Mittel zur Prestigeerhöhung des Gebäudes war (und ist) die Größe des Baublocks und die Höhe des Gebäudes.

Technische Innovationen
Ohne die Erfindung des Eisenskelettrahmens, des Fahrstuhls, des feuerbeständigen Hohlziegels, bestimmter Fundamente und anderer technischer Neuerungen wäre die Entwicklung des modernen Hochhauses nicht möglich gewesen. Zwar hat Chicago großen Anteil an dieser Entwicklung, aber die wichtigsten technischen Innovationen wurden in anderen Städten bzw. Ländern gemacht. Die Ursprünge des Eisenskelettbaus sind in der Entwicklung des Gusseisens in der Architektur zu suchen. Sie fand hauptsächlich in England und Frankreich in der Mitte des 19. Jhs. statt. Schon der zur Weltausstellung 1851 in London aufgestellte Kristallpalast von Joseph Paxton zeigte die Rationalisierung des Entwurfprozesses mit den vorfabrizierten Teilen wie gegossene dünne Gusseisensäulen, Holzrahmen, Druckglasplatten und Rinnen für das Dach. Es war der erste große Bau aus Glas, Eisen und Holz mit einem präzise zusammengeschraubten Skelett aus Guss- und Schmiedeeisen. Der erste Eisenskelettbau, der das gesamte Gewicht eines Baus trug, war die Schokoladenfabrik von Jules Saulnier in Noisiel-sur-Marne bei Paris in den Jahren 1871/72. Vorher hatte man meist die Front eines Hauses mit gusseisernen Stützen ausgestattet, um eine maximale Lichtzufuhr durch die Fenster zu erreichen. Vor dem großen Brand in Chicago 1871 existierten solche gusseisernen Frontfassaden, die den Vorläufer der Skelettkonstruktion bilden, bereits in der Stadt.

Das grundsätzlich Neue der Metallskelettkonstruktion, anfangs eine Mischung aus Eisen und Stahl, bestand darin, dass das Prinzip von Stütze und Last zugunsten eines Rahmens aufgegeben wurde, der aufgrund der besonderen Kräftebahnen die Fassade von der tragenden Funktion unabhängig machte. Das hatte den Vorteil, dass es keine sehr dicken Mauern mehr gab und man die Möglichkeit hatte, große Fenster einzubauen, was zur Entwicklung des dreiteiligen Chicago window führte, das in Chicago oft in Zusammenhang mit Erkern Verwendung fand. Auch im Inneren der Geschosse konnte man nun frei über die Geschossflächen verfügen, weil keine platzraubenden Stützmauern mehr notwendig waren. Außerdem war ein Metallrahmen schneller zu errichten als ein Mauerwerksbau. Im kommerziellen Büro- und Warenhausbau sollten sich diese Vorteile schnell durchsetzten. Wie wir noch sehen werden, gab es in Chicago anfangs aber auch noch Mischformen mit selbstragenden Mauern und Metallskelett. Es war außerdem möglich, ein Gebäude mit selbsttragenden Mauern zu errichten, diese aber in ihrer Dicke zu reduzieren, indem man gusseiserne Säulen zur Verstärkung der Stützkraft in das Mauerwerk integrierte. Ohne die Erfindung des Fahrstuhls durch den New Yorker Ingenieur Otis wäre der Bau von mehr als sechsstöckigen Häusern gar nicht möglich gewesen. Er sorgte dafür, dass man jetzt die oberen Stockwerke schnell erreichen konnte und diese eine Wandlung von den billigsten zu den teuersten Etagen durchmachten. Der erste Fahrstuhl wurde in den 1960er Jahren des 19. Jhs. in ein New Yorker Hochhaus eingebaut. Parallel zur Entwicklung des Fahrstuls tauchte die Entwicklung von feuersicheren Ummantelungen des Metallskeletts aus Ziegel- oder Sandstein (engl.: brick) auf, die verhinderten, dass der Metallrahmen bei einem Feuer schmolz. Auch haustechnische Neuerungen waren von großer Bedeutung für die Entstehung des Hochhauses. Gefordert war ein zentrales Heizungs-, Wasser- und Abwassersystem, Elektrizität, Klimaanlagen sowie ein Telefonnetz.Zwischen 1880 und 1890 hatte sich der sogenannte commercial style in Chicago durchgesetzt. Die Skelettkonstruktion eignete sich besonders für die Geschäftsbauten, an die Anforderungen wie Haltbarkeit und Feuerfestigkeit, Ökonomie und schnelle Errichtung der Konstruktion, maximaler natürlicher Lichteinfall und eine offene flexible Innenraumfläche gestellt wurden.

Anmerkungen zur Chicago School und Vorstellung der wichtigsten Bauten
Unter dem Begriff der Chicago School fasst man die Gruppe von Architekten zusammen, die im letzten Viertel des 19. Jhs. in Chicago tätig waren. Natürlich herrschte kein homogener Architekturstil, sondern verschiedene, oft gegensätzliche Stile existierten nebeneinander und beeinflussten sich gegenseitig. Die Chicago School trennte sich in den 1880er Jahren, grob vereinfacht gesprochen, in zwei Richtungen. Auf der einen Seite wurde die Form ausschließlich in Zwecklösungen gesucht, die weitgehend für sich selbst sprachen. Das Ergebnis waren streng gegliederte und in Raster aufgeteilte Fassaden mit feinen unaufdringlichen Details. Zu diesen Architekten gehörten der Begründer der Chicago School, William Le Baron Jenney mit seinem Ersten und Zweiten Leiter-Building sowie Holabird and Roche mit dem Marquette, Gage und Crown Building. Die zweite Richtung setzte sich aus Architekten zusammen, die den Ausdruck in eher plastischen Formen bevorzugten. Herausregender Vertreter dieser Richtung war Louis Henry Sullivan, dessen Gebäude sich durch das von ihm entwickelte Ornament, die Verbindung geradliniger und runder Elemente sowie durch stark texturiertes, farbiges Material auszeichnen. Andere Architekten dieser Richtung waren John Wellburn Root mit seinem Monadnock Building und Atwoods und Burnhams Reliance Building.

Den Architekten der Chicago School kommt der Verdienst zu, die Konstruktionsweise des Metallskeletts zur Grundlage einer modernen Ästhetik gemacht zu haben. Ornamente haben in diesem Zusammenhang keine tektonische Aufgabe mehr, sondern dienen nur noch zur Ausschmückung des Gebäudes. Vorausgreifend ist zu sagen, dass das Ende der Chicago School mit der Weltausstellung von 1893 ihren Anfang nahm. In den 1920er Jahren ist eine Rückwendung zum tradierten Vokabular des Historismus und der europäischen "Beaux-Arts-Bewegung" zu beobachten. Die Chicago School hatte ihre Vorangstellung in der Stadt verloren.Die wichtigsten Bauten der Chicago School werden vorgestellt und erläutert werden, bevor im nächsten Abschnitt das Werk Sullivans in Chicago vorgestellt wird. Der als Ingenieur ausgebildete William Le Baron Jenney eröffnete 1868 ein Architekturbüro in Chicago, das die Lehrwerkstatt der Chicago School werden sollte. Architekten wie Sullivan, Roche, Holabird und Burnham erhielten hier ihre künftige Ausbildung. Als erstes Gebäude der Chicago School wird das 1879 gebaute Erste Leiter Building Jenneys betrachtet. Es handelt sich um ein ursprünglich fünfstöckiges, später siebenstöckiges Warenhaus. Auf den ersten Blick kann man den Käfig des Eisengerüsts erkennen: große Fensteröffnungen (Vorläufer des Chicago window) und schmale Mauerwerkspfeiler, die zwar von ihrer deckentragenden Funktion befreit waren, aber noch immer die eisernen Brüstungsbalken bzw. Träger trugen. Auf der Innenseite der Mauerwerkpfeiler wurden Eisenpilaster angebracht, um die hölzernen Deckenträger zu stützen. Das Gebäude weist nur wenige Ornamente im oberen Bereich der Mauerwerkpfeiler und am leicht hervortretenden Gesims auf. Insgesamt ist eine einheitliche, klare Gliederung des Baus zu beobachten, der durch den durchgehenden Rhythmus von breiten Fensterbändern und schmalen Pfeilern und Brüstungen entsteht. Bereits am Ende des 19. Jhs. wird die Direktheit und Simplizität der späteren modernen Hochhäuser vorweggenommen.

Das Zweite Leiter Building, von Jenney 1889-91 erbaut, war ein riesiger rechteckiger Warenhausbau aus weißem Granit. Es handelt sich um die früheste Lösung des großen Skelettbaus, an dem es keine selbstragenden Mauern gab. Der Rahmen wird zum unverdeckten Mittel des Ausdrucks. In seiner strukturellen Ökonomie ist dieses Warenhaus ein Musterbeispiel des commercial style in Chicago. Es gibt fast keine Verzierungen. Zusammengehalten wird der Bau durch die an den Gebäudeecken plazierten wuchtigen Pfeiler. Die vertikalen Fenster werden von für Jenney typischen Säulen voneinander getrennt, auf jeweils zwei dreiteilige Fensterkompartimente erfolgt ein Pilaster. Durchgängig durchgehalten entsteht so die rhythmische Gliederung des Baus, ähnlich wie beim Ersten Leiter Building. Beim letzteren wird die Basis und das abschließende Gesims weniger betont als beim später errichteten Bau.Bevor das erste Gebäude mit einem vollkommenen Metallskelett (Zweites Leiter Building) errichtet werden konnte, versuchte sich Jenney auch in der Mischkonstruktion von selbstraggenden Mauern und Metallskelett. Zwischen dem Ersten Leiter Building und dem Zweiten Leiter Building entstand 1883-85 das Home Insurance Building, ein Bürohochhaus. Die Innen- und Außenwände wurden durch einen Rahmen aus Gusseisen und Stahl getragen. Diese Metallskelettkonstruktion setzte aber erst über der grob behauenen Steinbasis des 9-stöckigen, später 11-stöckigen Gebäudes an. Im Vergleich mit dem Ersten und Zweiten Leiter Building ist das Home Insurance Building weniger klar und streng struktuiert. Ein Eingangsrisalit mit Säulen, die hervortretende bossierte wuchtige Basis, verzierte Kapitelle, Brüstungen, Balkone und ein abschließendes Gesims mit Balustrade zerstreuen die Struktur und lassen die klare, unverschnörkelte Architektur der Leiter-Warenhäuser vermissen.

Gegenüber dem inzwischen abgerissenen Home Insurance Building liegt noch heute das 1886-91 Rookery Building, das von einem erfolgreichen Architektenteam der Chicago School, Burnham & Root erbaut wurde und als Bürogebäude konzipiert wurde. Es ist in der in Chicago eher seltenen fast quadratischen Blockform mit in der Mitte liegenden glasüberdachten Innenhof, der 1905 von Frank Lloyd Wright umgestaltet wurde, gebaut. Vielleicht wurde dieser Lichthof von Warenhausbauten in Europa und Amerika inspiriert. Einige stilistische Elemente erinnern an die Architektur Richardsons (s. u.) , aber auch an Jenneys Home Insurance Building. Mit den exotischen Backstein- und Terrakottaverzierungen wandte man sich ab vom Pragmatismus der Chicago School, der beispielsweise Jenney Leiter-Gebäude kennzeichnete. Bautechnisch ist die Rookery in einer Mischtechnik von tragenden Mauerwerkswänden an der Fassade und gusseisernen sowie stählernen Pfeilern und Trägern an anderen Stellen der Konstruktion gekennzeichnet.

Vom gleichen Architektenteam stammt das 1888-91 errichtete Monadnock Building, deren 16 Geschosse noch selbsttragend sind. Die innere Konstruktion wird von gusseisernen Säulen und gewalzten Trägern getragen. Man kann also festhalten, dass in Chicago, obwohl die komplette Metallkonstruktion schon erprobt war (Zweites Leiter Building), gleichzeitig noch Mischformen von selbsttragenden Mauerwerk und Skelett sowie reine Mauerwerkskonstruktionen Anwendung fanden. Es handelt sich aber beim Monadnock Building um den letzten der Hochbauten aus soliden Mauerwerk, denn aufgrund der benötigten Dicke der Mauern und der natürlich begrenzten Höhe des Gebäudes, bildete diese Konstruktionsform für die weitere Entwicklung des Hochhauses keine Lösung mehr. Der sich nach oben verjüngende Bau wird durch den Rhythmus der Erkerfenster mit den glatten Fassadenflächen bestimmt. Auffällig kompromisslos und modern anmutend ist die schmucklose Fassade. Das bis dahin freistehende Gebäude wurde von Holabird und Roche 1893 an einer Seite erweitert, allerdings benutzen sie anstelle des tragenden Mauerwerks ein verkleidetes Metallskelett.

Charles B. Atwood entwarf für Burnham & Co. 1894 den 16 Geschosse hohen Glasturm des Reliance Building, der frei von stilistischen Referenzen der Vergangenheit ist. Die Fassade ist vollständig in horizontal gelagerten Glasflächen und Erkern aufgelöst, so dass die Transparenz des Bauwerks zum entscheidenden Eindruck wird. Die Benutzung solcher extensiver Glasflächen mit wenigen, teilweise verzierten hellen Terrakottakacheln ermöglichte erst die Metallskelettkon-struktion, die auch hier Verwendung fand. Das Gebäude ist ein frühes Beispiel für die späteren Wolkenkratzer mit ihrem ganz aus Glas bestehenden curtain wall, der aus dem heutigen Bild der Großstädte nicht mehr wegzudenken ist.

Anhand dieser wenigen, aber herausragenden Beispiele der Architektur der Chicago School sollte zum einen verdeutlicht werden, wie differenziert die Architekten arbeiteten, zum anderen welche technischen Innovationen sie anwendeten. Wie wir auch an den Bauten Sullivans noch sehen werden, wurden oft überholte Konstruktiontechniken wie das selbstragende Mauerwerk neben modernen Konstruktionen wie das Metallskelett angewendet oder vermischt. Die Anwendung der alten oder neuen Konstruktionsweise muss sich aber nicht unbedingt gravierend auf die Wirkung des Baus auswirken. So wirkt beispielsweise die schlichte Fassade des Monadnock Building moderner als die reicher mit Bauschmuck versehene des Home Insurance Building, obwohl das erstere noch selbstragendes Mauerwerk aufweist, das zweite aber ein Mischform ist. Wichtig zu erkennen ist, dass es ganz unterschiedliche Stilformen innerhalb der Chicago School gibt, sie nicht kohärent ist.

Unbestritten ist der Beitrag der Chicago School zur Entwicklung des modernen Wolkenkratzers. Durch die Anwendung des Metallrahmens wurde es überhaupt erst möglich, dass man heute scheinbar unbegrenzt in die Höhe bauen kann und die curtain walls, meistens aus Glas oder Metall bestehend, entscheidend zum Aussehen der Wolkenkratzer beitragen. Neben Chicago gebührt aber auch New York ein gleichrangiger Platz auf dem Weg hin zum modernen Wolkenkratzer eines Mies van der Rohe oder Helmut Jahn.

Louis Henry Sullivan und Dankmar Adler: Vorstellung ihrer wichtigsten Bauten in Chicago
Louis Henry Sullivan ist eine der herausragenden Gestalten der Architektur des ausgehenden 19. und des beginnenden 20. Jhs. und hatte großen Einfluss auf die moderne Architektur. Er gehörte zu den Hauptvertretern der Chicago School, die sich besonders um die Entwicklung des modernen Hochhausbaus und in der Verwendung fortschrittlicher (Bau-) Konstruktionen verdient machte.Ein Echo auf Sullivans Tod 1925 erfolgte besonders in Europa (vgl. Wettbewerbsbeiträge der europäischen Architekten beim Chicago Tribune Tower Wettbewerb 1922), wohingegen seine Bedeutung in Amerika lange unterschätzt wurde, denn in den 20er Jahren dieses Jahrhunderts setzte man dort auf historisierende Stile, die Sullivan vehement bekämpft hatte (s. u. zur Weltausstellung 1893).

Die Architekten Ludwig Hilbersheimer, Bruno Taut und Siegfried Giedion sahen in Sullivan den Vorläufer einer rational begründeten Auffassung von Architektur, blendeten aber die Ornamente aus und erhoben ihre Interpretation von Sullivans berühmten Satz "form follows function" zum Dogma der modernen Architektur. In diesem Abschnitt soll es darum gehen, Sullivans Hauptwerke und die seines Partners Dankmar Adler kurz vorzustellen. Dabei werden Werke anderer Architekten der Chicago School herangezogen, um Sullivans Quellen zu verdeutlichen, aber auch das Innovative seiner Architektur herauszustellen. Soweit bei der Kürze der Darstellung möglich, werden zur Unterstützung der direkten Aussage der Bauten auch Aspekte der zahlreichen theoretischen Schriften des Architekten herangezogen.

Nach dem Architekturstudium und dem Besuch der Pariser Ecole des Beaux Arts, eröffnete der beim Begründer der Chicago School William Le Baron Jenney ausgebildete Sullivan 1881 mit seinem deutschstämmigen Partner Dankmar Adler ein Architekturbüro, das die nächsten Jahre viele wichtige Aufträge (auch in anderen amerikanischen Großstädten wie Buffalo und St. Louis) erhielt. Die bedeutensten in Chicago sind das Auditorium Building, das Schiller Building, die Chicagoer Börse und das Transportation Building für die Chicagoer Weltausstellung 1893 (s. u.). Nicht zu übersehen ist in einigen Werken Sullivans und Adlers der Einfluss von Henry Hobson Richardsons Marshall and Field Warehouse, das 1885-87 entstand. Das noch aus soliden, selbstragenden Mauerwerkswänden mit im Inneren befindlicher Skelettkonstruktion bestehende 7-stöckige Gebäude zeichnet sich durch seine geometrisch angelegte Massigkeit bzw. Blockhaftigkeit aus. Diese entsteht vor allem durch das Muster und die Anordnung der Fenster, die in den verschiedenen Stockwerken zwar verschieden hoch und geformt sind, aber immer die gleiche Breite aufweisen und durch Bögen zusammengefasst werden. Die Wirkung eines massigen Baublocks verstärken auch die bossierten Steinquader und die gemauerten Bögen der Fenster. Das Das der Romanik entlehnte Motiv des Rundbogens (der Fenster an der Fassade) machte in der Folgezeit Schule in Chicago, wie wir am Beispiel Sullivans sehen werden. Der von Adler und Sullivan 1887 errichtete Standard Club zeigt ähnliche Stilelemte wie sie bei Richardson häufig anzutreffen sind: bossierte Steinquaderung, Rundbogenfenster und Rundbogentüren, klare Abtrennung der Geschosse voneinander (horizontale Unterteilung), Abschluss des Gebäudes durch ein Gesims sowie in der Gesamtwirkung die Evokation von massiger Blockhaftigkeit.

Etwa zur gleichen Zeit beschäftigte sich das Architektengespann mit seinem größten Auftrag, der ihnen viel Popularität einbrachte, dem Auditorium Building an der Michigan Avenue, einer Mischung aus Hotel-, Büro- und Theatergebäude. An Sullivans Vorzeichnungen für den Bau und dem schließlich ausgeführten Bau lässt sich erneut Richardsons Einflussnahme feststellen. Waren die ersten Entwürfe noch stark ornamentiert und "verschnörkelt" mit vielen Türmen und Giebeln, so zeigt der ausgeführte Bau viele Merkmale des Marshall Field Warehouse. Hervorstechenstes Merkmal ist die Massigkeit und Horizontalität des riesigen Gebäudes, dem ein ein Turm entgegenwirkt. Das wuchtige bossierte Granitsteingesims verstärkt diesen Eindruck noch. Die Fensterreihen sind vertikal angeordnet und werden teilweise durch ein übergreifendes Bogenmotiv zu einer Einheit zusammengefasst. Das abschließende Mezzanin ist als Zwergumgang gestaltet. In ähnlicher Art wurde dies auch an Richardsons Bau verwirklicht. Aufgrund der Schwere des Baus und der Nähe zum Lake Michigan musste ein von Adler konstruiertes, wasserdichtes Fundament konstruiert werden. Die äußeren Wände des Gebäudes sind noch selbsttragend, was durch die Dicke der Mauern im unteren Teil des Baus verdeutlicht wird. Alle anderen konstruktiven Elemente, die innenliegenden Säulen, Träger und Binder waren aus Eisen. Das 10-geschossige Gebäude (mit 17-stöckigen Turm) steht in seiner Entwicklung zwischen den älteren Formen von Richardsons Mauerwerkskonstruktionen und den leichteren Formen der Eisenskelettkonstruktion.

Das Auditorium Theatre nimmt etwa die Hälfte der Gesamtfläche des Gebäudes ein. Es ist vor allem wegen seiner, von Adler technisch hervorragend beherrschten Akkustik bekannt. Dazu kommen aber auch noch andere herausragende technische Leistungen wie beispielsweise die komplizierte Bühnentechnik und die elektrisch verstellbaren Wände zur Verkleinerung des Raumvolumens. Auch bei diesem Mischbau taucht das Bogenmotiv immer wieder auf: an Türen und Fenstern der Fassade, in den konzentrischen Kreisen des Theatersaales, am tonnenüberwölbten Bankettsaal des Hotels. Ein Stilmerkmal der Architektur Sullivans ist beherrschend in der Innenausstattung: sein selbst entwickeltes Ornament, das Wände, Säulen, Bögen und Geländer überzieht. Wichtig anzumerken ist, das die innere Funktion des Baus an der Fassade nicht abzulesen ist. Ein von seinen Funktionen stark gegliedertes Programm (Hotel, Theater, Büros) wird in einen außen einheitlichen Rechtkantblock eingebunden, der wenig
Ornamentik aufweist.

Adler und Sullivans größter Auftrag nach dem Auditorium Building war 1893/94 die Errichtung des Chicago Stock Exchange Building, der Börse von Chicago an der North La Salle Street, die 1972 abgerissen wurde. Zwei Merkmale der Chicago School finden hier Verwendung: der Erker, der die Vertikale des Gebäudes akzentuiert und das dreiteilige Chicago window. Technisch ist der 13-geschossige Bau modern, d. h. in einer feuersicheren Standard-Stahlrahmen-Konstruktion ausgeführt. Erstmals wird an einem Bau das aus dem Brückenbau stammende Chaisson-Fundament angewandt. Wie beim Auditorium Building handelt es sich um einen multifunktionalen Bau, der die Börse und Büros beherbergen sollte. Das zweite und dritte Stockwerk der Fassade besteht Fensterarkaden, die den dahinter befindlichen doppelstöckigen Trading Room (heute rekonstruiert im Art Institute of Chicago) bereits an der Fassade sichtbar machen. Auch das rundbogige stark ornamentierte, leicht hervortretende Eingangsportal (Art Institute of Chicago) macht klar, dass das Erdgeschoss und das erste Geschoss miteinander verbunden sind und weist auf die gewölbte Decke des Eingangsvestibüls hin. Im Unterschied zum Auditorium Building finden wir bei der Börse also an der Fassade Hinweise auf die innere Raumgestaltung.Das opulente Ornament des Trading Rooms besteht aus verschiedenen ornamentalen Mustern, die anhand von Schablonen in vielen Farben aufgetragen wurden. Wenn man die "verschwenderische" Anwendung des Ornaments in Sullivans Werk betrachtet, kann man verstehen, warum diese von den Leuten ausgeblendet wurde, die Sullivan zum Propheten der modernen Architektur erhoben und die Ornamentik nicht mit seinem Ausspruch, dass die "Form der Funktion folge" in Einklang bringen konnten. Sullivan versuchte in verschiedenen theoretischen Schriften über das Ornament ("Ornament in Architecture", 1892; "A System of Architectual Ornament According with a Philosophy of Men's Power", 1924) seinen Standpunkt zu verdeutlichen. Auch er lehnt eine einfache Applikation von Ornamenten ab, wie sie beispielsweise in der historisierenden Architektur in den 1920er Jahren in Chicago angewendet wurde. Für Sullivan bedingen sich Konstruktion und Ornament gegenseitig, eines erhöht das andere und ist einzeln nicht denkbar (= "organic system of ornamentation"). Deshalb muss für jedes Gebäude ein bestimmtes System der Ornamentierung gefunden werden und die Ornamentik ist nicht unter verschiedenen Gebäudetypen austauschbar, bleibt also einzigartig.In einem weiteren Aufsatz The tall Office Building artistically considered (1896) legt Sullivan seine Vorstellungen vom Aufbau eines Bürohochhauses dar, was am 1891-93 erbauten Schiller Building praktisch nachvollzogen werden kann. Das Gebäude beherbergte das Schiller Theater und Büro- und Clubräume. Ein 17-Stockwerke hoher Turm wird von beiden Seiten von 9-stöckigen Flügeln flankiert, deren obere sieben Etagen nicht an den Hauptturm anstoßen. Im hinteren Teil des Gebäudes befindet sich ein 14-stöckiger Flügel. Der Gebäudeaufbau verdeutlicht Sullivans "Dreiteilungstheorie", die einem Säulenaufbau mit Basis, durchgehendem Schaft und Kapitell entspricht. In seinem bereits erwähnten Aufsatz differenziert Sullivan seine Ausführungen. Seiner Meinung nach muss das Bürohochhaus eine klar differenzierte Geschossunterteilung aufweisen. Vereinfacht gesagt, muss es ein Untergeschoss zur Unterbringung elektrischer Anlagen, ein ebenerdiges Geschoss, das deutlich als Eingangsbereich gekennzeichnet ist, darüber eine Anzahl von gleichförmigen Stockwerken für Büros und als Abschluss ein Attikageschoss vorhanden sein. Diese Aufteilung soll das Haupcharakteristikum des Bürohochhauses, das "in-die-Höhe-streben" (loftiness) versinnbildlichen. Das Schiller Building erfüllt diese Anforderungen. Der mehrstöckige Eingangsbereich wird durch eine Art Loggia und die Ornamentierung hervorgeheben. Durch die Zusammenfassung von 14 eher schlicht gehaltenen Stockwerken und vertikalen Fensterreihen durch einen Rundbogen wird die Höhe des Gebäudes betont. Bekrönt und abgeschlossen wird der Bau durch ein Attikageschoss mit Zwerggalerie sowie ein stark hervortretendes Gesims, beide durch Sullivans Ornamentik hervorgehoben.

Beim Carson, Pirie, Scott & Company Store, das in mehreren Bauetappen von 1899 bis 1906 errichtet wurde, handelt es sich um den letzten großen Auftrag Sullivans (in Chicago) und um eine der Manifestationen moderner Architektur sowie um eines der Spätwerke der Chicago School. Allgemein gesprochen ist das Warenhaus eine Erscheinung des Industriezeitalters, d. h. es gab keine Vorbilder in der Vergangenheit. Seinen Ursprung hat die Geschichte des Warenhauses in Europa, genauer gesagt in Paris. Das Magasin au Bon Marché wird oft als das erste Warenhaus der Welt angesehen (1876). Es ist ein Werk des Ingenieurs Gustave Eiffel und des Architektien L. A. Boileau. Die Ecken des Gebäudes waren pavillonartig ausgestaltet. Diese Anregung sollte Sullivan im Carson, Pirie & Scott-Warenhaus übernehmen. Die riesigen Warenhäuser, die in den späten 80er Jahren des 19. Jhs. in Chicago gebaut wurden, führten mit ihren großen durchgehenden Bodenflächen den Lagerhaustyp weiter. Etwa zwischen 1890 und 1915 entstanden entlang der State Street die großen Warenhäuser. Die Straße wurde zur lebhaftesten des Landes. Wesentliche Veränderungen gab es 1893 durch zwei Bauten Jenneys: dem zweiten Leiter-Building und dem Fair Store. Als Sullivans Gebäude vollendet war, übertraf es in der Höhe die anderen Gebäude der Umgebung um das doppelte und evozierte schon dadurch eine immense Wirkung. Das Zentrum Chicagos war aufgrund seiner enormen Dichte (um 1900) in den Immobilienpreisen weltweit führend, bei der Errichtung von den Gebäuden kam es deshalb auf Konzentration und Höhe an, um die Rentabilität des Gebäudes zu wahren.Der erste Teil des Baus an der Madison Street war ein neunstöckiger Stahlskelettbau. Metallarbeiten umrahmen die unteren Stockwerke, während die oberen mit glasierter Terrakotta verkleidet waren. Drei Jahre später fertigte Sullivan Pläne für einen 12-stöckigen Anbau an der State und Madison Street an. Der Eisen- und Stahlrahmen wurde in sehr kurzer Zeit errichtet, um die finanziellen Einbußen durch den Geschäftsausfall möglichst gering zu halten. Dieser Bau ist besonders prägnant durch die rundbogige Ecklösung des Eingangsbereiches.Die zwei Stockwerke hohe Basis und der rundbogige Eckeingang des Gebäudes bestehen aus (Guss-) Eisen mit vegetabilen Ornamenten, die entweder von Sullivan oder seinem Mitarbeiter Elmslie entworfen wurden. Sie sind der Blickpunkt des Gebäudes. Große Schaufenster, wichtig für die Repräsentation der Waren und das Hereinlassen von Tageslicht, ziehen sich wie ein Band am Bau entlang. Das Metallskelett gibt dem Bau sein Aussehen, denn erst durch das Skelett war es überhaupt möglich, solch große Fensterflächen einzusetzen. Ein technischer Kniff wurde mit dem Einbau von "Luxfer prismatic glass" über dem normalen Fensterglas erreicht: Es lenkte das natürliche Licht auch in die hinteren Gebäudeteile und konnte zur Belüftung geöffnet werden. Die über der Basis gelegenen Stockwerke mit Terrakottaverkleidung werden nach oben hin kleiner und zeichnen sich durch Klarheit und Srenge aus. Bestimmend für das Aussehen des Baus ist das horizontale Chicago window, das dem gesamten Bau einen horizontalen Charakter gibt, während die runde Eckausbildung mit vertikalen Fenstern und hervortretenden, vertikalen schmalen Rippen einen vertikalen Akzent setzt. Das gesamte Gebäude wird durch den Metallskelettrahmen bestimmt.

Die scharf in die Fassade eingeschnittenen Fenster haben, von außen kaum sichtbar, umlaufende schmale Ornamentstreifen aus Terrakotta. Der Bau wurde von einer Attika mit Loggia und dahinter liegenden Fenstern bekrönt. Das schmale Gesims trat leicht hervor. Dieser obere Abschluss des Gebäudes wurde inzwischen verändert. Das Innere des Kaufhauses folgte mit seinen durchgehenen, ununterbrochenen Ladenflächen noch dem Lagerhaustyp. Beim Fundament handelt es sich um eine Chaisson-Gründung. Ab 1904 wurde ein weiterer Anbau von Burnham & Co. hinzugefügt, 1960-61 von Holabird & Root.

An den vorgestellten Baubeispielen konnte verdeutlicht werden, dass Sullivan um die Einheit eines Gebäudes rang. Dieser einheitliche Baugedanke lief jedoch weder auf einen rigorosen Ausdruck der Konstruktion noch auf eine dekorierte Konstruktion hinaus. Er beruht weder auf klassischen Idealen noch auf der Unterordnung konstruktiver Aspekte. Wie wir gesehen haben, war Sullivan alles andere als ein reiner Funktionalist, denn er machte starken Gebrauch des von ihm entwickelten Ornaments. Auch die Deckungsgleichheit von Innen und Außen, von Konstruktion und Fassade war ihm kein Dogma. Die Konstruktion des Eisenskeletts mit der Architektur zu einem einheitlichen Ausdruck zu vereinen war der Verdienst der Architekten der Chicago School, in der Sullivan eine bedeutende Stellung einnahm. Wie bereits erwähnt, existierte die Chicago School am Ende des Ersten Weltkriegs nicht mehr. Wolkenkratzer gaben jetzt vor etwas anderes zu sein als nur funktionale Gebäude. So finden sich "Renaissancepaläste", "gotische Kathedralen" (vgl. Raymond Hoods Chicago Tribune Tower von 1922) , "atztekische Stufentempel" etc. Das wofür Sullivan gekämpft hatte, nämlich das Aussehen des Baus den Erfordernissen der Funktion anzupassen und nicht tradierte Stilelemente auf das traditionslose Hochhaus anzuwenden, war vergessen. Die Dekoration Sullivan entstand organisch aus dem Bau heraus, oder wie Sullivans Schüler Frank Lloyd Wright ausdrückte, seine Dekoration sei "of the thing, not on it."

Die Weltausstellung von 1893 in Chicago: Endpunkt der Avantgarde-Architektur in der Stadt
Die von John Wellborn Root und Daniel Burnham geplante "World's Columbian Exhibition" fand von Mai bis Oktober im Süden der Stadt (in Seenähe) statt. Die "White City" war als Idealstadt angelegt und ist ein Beispiel der City-Beautiful-Bewegung. Betont wurde die städtebauliche Perspektive entlang der Straßenflucht, einer mit der Landschaft eng verbundenen Architektur mit aufeinander abgestimmten Dachgesimsen.

Das Herz der künstlichen Stadt bestand aus einem Ehrenhof, um den herum Gebäude mit derselben Höhe (60 Fuß) angelegt waren. Gleichförmigkeit wurde nicht nur durch die Gebäudehöhe erzielt, sondern auch durch die Architektur selbst. Fast durchweg handelte es sich um Repräsentationsbauten in klassizistischer Formensprache. Dahinter verbarg sich eine radikale Funktionalismuskritik. Die Planer der Ausstellung entlehnten ihren Schönheitsbegriff der französischen Académie des Beaux Arts. Nur Sullivans und Adlers Transportation Building fiel aus dem Rahmen der "White City". Es rehabilitierte keinen klassischen oder neugotischen Stil oder versuchte, einen Marmorbau zu imitieren. Die riesige Ausstellungsfläche wurde von flachen Wänden mit umlaufenden Bogenfenstern und polychromer Ornamentik umschlossen. Das erfolgreichste Element des Gebäudes aber war die "Goldene Tür" aus fünffach nach hinten gestaffelten stark ornamentierten Halbkreisen, einem in der Architektur Sullivans immer wiederkehrenden Motiv. Wegen der Reichheit seiner Dekoration wurde Sullivan sofort als großer Ornamentalist anerkannt, im gleichen Zug aber als Architekt verkannt. Sullivan sah bereits das Ende seiner Bestrebungen und die der Chicago School nach funktionellen Hochhäusern ohne tradierten historisierenden Bauschmuck voraus.

Tatsächlich aber wurde mit dieser Ausstellung deutlich, dass Sullivans Vorstellungen von Architektur keine Nachfolger oder Schüler gefunden hatte. Sein Einfluss war dahingeschmolzen, seine Unpopularität (in Amerika) als Architekt nahm hier ihren Anfang. Deutlich wird diese Tatsache auch an der Zahl der Aufträge, die in der Folgezeit an Sullivan vergeben wurden. Zwischen 1880 und 1885 entwarf er mehr als 100 Gebäude, die restlichen 30 Jahre seines Lebens nur noch 20. Sullivan musste dem dem historisierenden Architekturstil am Anfang des Jahrhunderts weichen, der 1922 im Wettbewerb um den Chicago Tribune Tower gipfelte, den Raymond Hood mit seinem gotisierenden Bau für sich entschied und damit genau den veränderten Zeitgeschmack traf.

Architektur in Chicago - Literaturtipps

Bach, Ira J.: Chicago's famous buildings. A photographic guide to the citie's architectual landmarks and other notable buildings. Chicago / London 1980 (third edition).

Condit, Carl W.: The Chicago School of Architecture. A history of Commercial and Public Building in the Chicago Area 1875 - 1925. Chicago 1964.

Frei, Hans: Louis Henry Sullivan. Zürich / München / London 1992.

Goldberger, Paul: Wolkenkratzer. Das Hochhaus in Geschichte und Gegenwart. Stuttgart 1984.

Morrison, Hugh: Louis Sullivan. Prophet of modern architecture. New York 1962.

100 Jahre Architektur in Chicago. Kontinuität von Struktur und Form. Die Neue Sammlung. Ausstellungskatalog Staatliches Museum für Angewandte Kunst München. München o. J.

Mumford, Lewis: The Brown Decades. A study of the arts of America 1865 - 1895. New York 1955.

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